Zeitreise durch die Geschichte Albaniens und Kosovos
11 Kapitel, für Kinder erzählt – mit Bildern, Fakten und albanischen Wörtern zum Anhören.
um 230 v. Chr. – Königin Teuta und die Schiffe der Adria
Küste der Adria · Die Illyrer
Shqiponja breitet die Flügel aus: „Halt dich fest, Rrëqebulli – wir fliegen über 2.000 Jahre zurück!“
Unter ihnen glitzert die Adria. Schnelle Holzschiffe mit vielen Rudern sausen über das Wasser. An Deck steht eine Frau mit einem Stirnreif: Teuta, die Königin der Illyrer.
Nach dem Tod ihres Mannes Agron führt sie ein ganzes Reich – in einer Zeit, in der fast nur Männer regierten. Ihre Flotte ist so stark, dass sogar das mächtige Rom nervös wird.
- Die Illyrer lebten vor mehr als 2.000 Jahren an der Ostküste der Adria – dort, wo heute Albanien liegt.
- Teuta regierte ungefähr von 231 bis 228 v. Chr. für ihren jungen Stiefsohn.
- 229 v. Chr. erklärte Rom ihr den Krieg. Teuta verlor – aber ihr Name lebt weiter: Teuta ist bis heute ein beliebter Mädchenname in Albanien und Kosovo.
- Viele Albanerinnen und Albaner sehen die Illyrer als ihre Vorfahren.
Wörter: mbretëresha (die Königin), anija (das Schiff), deti (das Meer)
1443–1468 – Der Held von Kruja
Burg von Kruja · Skanderbeg
Wusch – die Zeitreise geht weiter. Jetzt stehen Rrëqebulli und Shqiponja vor einer Burg hoch oben auf einem Berg: Kruja.
Ein Mann mit einem Helm, auf dem ein Ziegenkopf sitzt, hebt sein Schwert in den Himmel. Das ist Gjergj Kastrioti, genannt Skanderbeg. Die Menschen jubeln.
Das riesige Osmanische Reich will das Land erobern. Doch Skanderbeg schafft, was niemand für möglich hielt: Er vereint die albanischen Fürsten – und hält 25 Jahre lang stand.
- Skanderbeg lebte von 1405 bis 1468.
- Im November 1443 kehrte er nach Kruja zurück und erklärte die Stadt für frei.
- Am 2. März 1444 schlossen sich in Lezha albanische Fürsten zusammen – die Liga von Lezha.
- Kruja wurde mehrmals belagert, zum ersten Mal 1450 – und hielt jedes Mal stand, solange Skanderbeg lebte.
- Der schwarze Doppeladler auf rotem Grund – Skanderbegs Zeichen – ist heute auf der Flagge Albaniens.
Wörter: kalaja (die Burg), heroi (der Held), flamuri (die Fahne), liria (die Freiheit)
1555 – Ein Buch voller albanischer Wörter
Gedruckt in Venedig · Das erste Buch
Shqiponja landet in einer stillen Kammer voller Kerzen. Ein Priester sitzt über einem dicken Buch und schreibt Wort für Wort.
Er heißt Gjon Buzuku. Er schreibt etwas, das es so noch nie gab: ein gedrucktes Buch in albanischer Sprache.
„Wenn die Menschen ihre Gebete in ihrer eigenen Sprache lesen können“, flüstert er, „dann bleibt unsere Sprache lebendig.“
- 1555 wurde das „Meshari“ von Gjon Buzuku fertig – das älteste gedruckte Buch auf Albanisch.
- Vom ganzen Buch kennt man nur ein einziges Exemplar. Es liegt in der Bibliothek des Vatikans.
- Die Schreibweise darin ist so geübt, dass man glaubt: Albanisch wurde schon vorher geschrieben.
Wörter: libri (das Buch), gjuha (die Sprache), shkruaj (ich schreibe)
1878 – Gemeinsam in Prizren
Prizren · Liga von Prizren
Die nächste Station: Prizren. Über den Fluss spannt sich eine alte Steinbrücke, oben auf dem Hügel thront die Festung.
Aus vielen Regionen kommen Männer zusammen – aus den Bergen, aus den Städten, aus dem Norden und dem Süden. Sie haben eine große Sorge: Das Land, in dem Albaner leben, soll an Nachbarstaaten verteilt werden.
„Allein sind wir schwach, gemeinsam sind wir stark“, sagen sie. Und gründen einen Bund: die Liga von Prizren.
- Am 10. Juni 1878 wurde in Prizren die Liga von Prizren gegründet.
- Sie setzte sich dafür ein, dass Gebiete, in denen Albaner lebten, nicht aufgeteilt werden.
- Zum ersten Mal sprachen Albaner aus vielen Regionen mit einer gemeinsamen Stimme.
Wörter: lidhja (der Bund, die Liga), bashkë (zusammen), ura (die Brücke)
1908 – Die Nacht der 36 Buchstaben
Manastir (heute Bitola) · Das Alphabet
Rrëqebulli reibt sich die Augen: Lauter Lehrer und Gelehrte sitzen an einem langen Tisch und streiten – ganz freundlich.
Das Problem: Jeder schreibt Albanisch anders. Mit lateinischen, griechischen oder arabischen Buchstaben. So können sich die Leute gegenseitig kaum lesen.
Nach vielen Tagen heben sie ein großes Blatt hoch – und die Buchstaben scheinen zu leuchten: A, B, C, Ç, D, DH, E, Ë … Das albanische Alphabet ist geboren!
- Vom 14. bis 22. November 1908 trafen sich Gelehrte in Manastir – heute Bitola in Nordmazedonien.
- Sie einigten sich auf ein Alphabet mit lateinischen Buchstaben: 36 Buchstaben, darunter neun Doppelbuchstaben wie dh, sh und xh.
- Genau dieses Alphabet lernst du in Albanino!
- Darum feiert man am 22. November den Tag des Alphabets (Dita e Alfabetit).
Wörter: alfabeti (das Alphabet), shkronja (der Buchstabe), mësuesi (der Lehrer)
1912 – Die Fahne von Vlora
Vlora · Unabhängigkeit
Es ist der 28. November 1912. In der Hafenstadt Vlora drängen sich die Menschen auf dem Platz vor einem weißen Haus.
Drinnen haben Vertreter aus dem ganzen Land beraten. Ihr Anführer heißt Ismail Qemali. Dann ist es so weit: Albanien erklärt sich unabhängig!
Die rote Fahne mit dem schwarzen Doppeladler wird gehisst. Menschen weinen vor Glück, umarmen sich, werfen ihre Mützen in die Luft. Shqiponja fliegt eine Ehrenrunde.
- Am 28. November 1912 wurde in Vlora die Unabhängigkeit Albaniens erklärt.
- Ismail Qemali leitete die Versammlung und wurde Chef der ersten Regierung.
- 40 Delegierte unterschrieben die Erklärung.
- Seitdem feiern Albanerinnen und Albaner auf der ganzen Welt den 28. November als Flaggentag (Dita e Flamurit).
Wörter: pavarësia (die Unabhängigkeit), flamuri (die Fahne), festa (das Fest)
1910–1997 – Ein Herz für die Ärmsten
Von Skopje nach Kalkutta · Nënë Tereza
Ein Mädchen wächst in Skopje in einer albanischen Familie auf. Sie heißt Anjezë Gonxhe Bojaxhiu.
Als junge Frau geht sie nach Indien. In der Stadt Kalkutta sieht sie Menschen, die krank und arm sind und niemanden haben. Sie bleibt – ihr ganzes Leben lang.
Die Welt kennt sie als Mutter Teresa. Rrëqebulli wird ganz still: „Man muss kein König sein, um die Welt zu verändern.“
- Mutter Teresa wurde am 26. August 1910 in Skopje geboren, ihre Eltern waren Albaner.
- In Kalkutta (Indien) kümmerte sie sich jahrzehntelang um Kranke, Arme und Sterbende.
- 1979 bekam sie den Friedensnobelpreis.
- Der Flughafen von Tirana trägt heute ihren Namen: „Nënë Tereza“.
Wörter: dashuria (die Liebe), ndihma (die Hilfe), nëna (die Mutter)
1990–1999 – Lernen mit Mut
Kosova · Schulen im Wohnzimmer
Die Zeitreise führt nach Kosovo, in die 1990er-Jahre. Es ist Winter. Rrëqebulli klopft an eine Haustür – und drinnen sitzen zwanzig Kinder auf dem Teppich!
Albanische Kinder dürfen damals nicht mehr normal in ihre Schulgebäude. Also machen Familien aus Wohnzimmern, Kellern und Garagen Klassenzimmer.
Es gibt kaum Tische, oft keine Tafel. Aber eine Lehrerin, Hefte auf den Knien – und Kinder, die lernen wollen. Die Oma bringt Tee. Shqiponja hilft an der Tafel.
- Ab 1990/91 durften albanische Schülerinnen und Schüler in Kosovo ihre Schulen nicht mehr normal besuchen.
- Lehrkräfte und Familien gründeten ein eigenes Schulsystem – in Wohnzimmern, Kellern und Garagen.
- Mehr als 100.000 Schülerinnen und Schüler lernten so in rund 3.200 Häusern.
- Weiter zu lernen war ein stiller, mutiger Widerstand – ganz ohne Gewalt.
Wörter: shkolla (die Schule), shtëpia (das Haus, das Zuhause), guximi (der Mut)
1999 – Endlich wieder zu Hause
Kosova · Die Heimkehr
Diese Station ist ernst. 1998 und 1999 war in Kosovo Krieg. Viele Familien mussten ihr Zuhause verlassen und fliehen – mit Traktoren, zu Fuß, mit dem, was sie tragen konnten.
Im Juni 1999 war der Krieg vorbei. Und dann geschah etwas Wunderbares: Die Menschen kehrten zurück. Lange Schlangen von Traktoren rollten über die Straßen, Kinder winkten, Nachbarn umarmten sich.
Viele Häuser waren kaputt. Aber die Familien bauten sie wieder auf – Stein für Stein. Shqiponja fliegt voraus und zeigt den Weg nach Hause.
- 1998 und 1999 gab es in Kosovo Krieg.
- Hunderttausende Menschen mussten fliehen, viele nach Albanien und Nordmazedonien.
- Im Juni 1999 endete der Krieg, nachdem die NATO eingegriffen hatte.
- Bis Ende 1999 waren mehr als 800.000 Geflüchtete nach Kosovo zurückgekehrt.
Wörter: kthimi (die Rückkehr), paqja (der Frieden), shpresa (die Hoffnung)
2008 – NEWBORN – ein Land wird geboren
Prishtina · Kosovo unabhängig
Letzter Sprung in die Vergangenheit: Prishtina, ein kalter Winterabend. Der Platz ist voller Menschen mit Fahnen, am Himmel knallt Feuerwerk.
Kosovo hat sich unabhängig erklärt! Mitten auf dem Platz stehen riesige gelbe Buchstaben: N-E-W-B-O-R-N. „Neugeboren“.
Tausende Menschen schreiben ihre Namen auf die Buchstaben. Rrëqebulli klettert auf das N, Shqiponja schreibt mit beiden Schnäbeln: „Albanino war hier!“
- Am 17. Februar 2008 erklärte Kosovo seine Unabhängigkeit.
- Am selben Tag wurde in Prishtina das Denkmal „NEWBORN“ enthüllt – etwa 24 Meter lang und 3 Meter hoch.
- Viele Menschen unterschrieben darauf. Später wurden die Buchstaben neu bemalt, zum Beispiel mit den Flaggen der Länder, die Kosovo anerkennen.
Wörter: i porsalindur (neugeboren), gëzimi (die Freude), e ardhmja (die Zukunft)
heute – Und jetzt bist du dran
Überall auf der Welt · Du!
Die Zeitmaschine landet sanft – genau da, wo du gerade bist. In Deutschland, Italien, der Schweiz, Österreich oder irgendwo sonst auf der Welt.
Heute leben Albanerinnen und Albaner überall. Was sie verbindet? Die Sprache. Die Lieder. Das Essen. Die Geschichten der Großeltern.
Shqiponja legt dir einen Flügel auf die Schulter: „Jedes Wort, das du lernst, ist eine neue Seite in dieser Geschichte. Und die schreibst du.“
- Albanisch wird vor allem in Albanien und Kosovo gesprochen – und von Familien auf der ganzen Welt.
- Albanisch ist ein eigener Zweig der indogermanischen Sprachfamilie – es hat keine nahe verwandte Schwester.
- Wer zwei Sprachen spricht, hat zwei Zuhause im Kopf.
Wörter: gjuha jonë (unsere Sprache), historia (die Geschichte), familja (die Familie)
Quellen